Buchbesprechung
Verlagstext:
Martin Urban: Warum der Mensch glaubt
Warum der Glaube stärker ist als der Verstand ... und wie er sich elektrisch stimulieren lässt.
Gott, Götter, das Schicksal, die Sterne, das Karma, die Wissenschaft – wie schon vor Urzeiten glaubt der Mensch auch heute an etwas und richtet mehr oder weniger sein Leben danach aus: betet, baut Tempel, pilgert Tausende von Kilometern nach Rom, Mekka, Delhi, unterwirft sein Leben strengen Geboten oder Orakelsprüchen. Neueste Hirnforschungen zeigen, dass das menschliche Gehirn und seine Evolution schuld daran sind, dass der Mensch glaubt, ja sogar bisweilen den größten Unsinn zu glauben bereit ist. Denn der Glaube ist gleichsam ein evolutionäres „Nebenprodukt“ der überlebensnotwendigen Fähigkeit des Menschen, unvollständige In-formationen zu ergänzen und seine Welt zu interpretieren. Als einziges Lebewesen stellt der ho-mo sapiens die Sinnfrage. Sein Bedürfnis, hinter Ereignissen immer Gründe anzunehmen und Aktionen Intentionalität zu unterstellen, führt letztlich auch zur Erfindung von Gottheiten. Gleichzeitig haben neurowissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass es im Temporallappen des menschlichen Gehirns ein Gebiet für religiöse Erlebnisse gibt: Die Präsenz der Gottheiten oder einer heiligen Welt kann dort erfahren werden. Dabei können spirituelle Erfahrungen in die-ser Region aber auch mit Hilfe von schwachen Magnetfeldern ausgelöst werden. Glaubenssensi-bilität lässt sich also herstellen – und übrigens auch vererben (wie z.B. Musikalität).
Martin Urban zeigt auf, wie sehr das Unbewusste unser nur scheinbar vernünftiges Handeln be-einflusst und wie sehr sich der Mensch von seinem Wunsch nach Sicherheit – metaphysischer wie irdischer – leiten lässt: Es ist für den Menschen schwieriger, an nichts zu glauben, als irgend-einer Ansicht anzuhängen – und sei sie noch so absurd. Das Gefühl, Bescheid zu wissen, ist be-ruhigender. Die Glaubensbilder, die der Mensch für die Erklärung der Welt gefunden hat, stam-men schon aus Urzeiten – von Himmelsfahrten über Opferkulte, Seelenwanderungen und Jungfrauengeburten bis hin zu weltlichen Glaubensvorstellungen wie Würfelorakeln und Amuletten. Das alles hilft dem Menschen, sich in seiner Welt zurechtzufinden.
Problematisch wird es jedoch in dem Moment, wo Glaubenswahrheiten zu Dogmen werden, zu Systemen nicht falsifizierbarer Annahmen, insbesondere in Form „heiliger“ Gebote und Verbote, und wo Kirchen und Religionslehrer einen unfehlbaren, alleinseligmachenden Wahrheitsanspruch behaupten und Denkverbote erlassen. Im Herbst 2004 rief Kardinal Joseph Ratzinger, damals noch Chef der vatikanischen Glaubenskongregation und gefürchteter Verteidiger „heiliger Wahr-heiten“ und liturgischer Regeln, die Christen dazu auf, die Religionsfreiheit gegen eine „Ideologie“ der Vernunft zu verteidigen; „eine positive Herausforderung“ sei für ihn „der feste Glaube der Muslime an Gott“. Zur Eröffnung des Konklaves für die Papstwahl hielt er in einer Predigt der „Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt“ „einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche“ entgegen.
Martin Urban stellt fest: Angesichts einer komplizierter werdenden Welt ist die Flucht in künstlich geschaffene Welten, in Ideologien mit klaren Regeln verlockend. So erklärt sich ein wachsen-der Fundamentalismus, der Sieg der archaischen Unterwelt in unserem Kopf über den Geist. Dem setzt er sein Credo entgegen: Kein Opfer des Verstands! Kein Zurück hinter die Aufklärung! Wie kein zweiter versteht es der Autor, die Erkenntnisse aus einer Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen miteinander zu verknüpfen, keine Tabus gelten zu lassen und den Leser neugierig zu machen auf die Welt und sich selbst. Urbans Buch ist kein Buch gegen den Glauben – denn der ist ja gerade grundlegender Teil des Menschseins –, sondern ein so kluges wie unterhaltsames und humorvolles Plädoyer gegen Dogmen und Denkverbote und für einen scheuklappenlosen Umgang mit einem der erstaunlichsten Phänomene des Menschen.
Martin Urban, geboren 1936 in Berlin, stammt aus einer Theologenfamilie. Nach dem Studium der Physik, Chemie und Mathematik in Berlin und München Arbeit als Diplom-Physiker auf dem Gebiet der Plasmaphysik. Seit Anfang 1965 bei der Süddeutschen Zeitung in München, ab 1968 Aufbau und bis 2002 Leitung des Wissenschaftsteils der Zeitung. Seither weiter Autor der SZ. Martin Urban wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Theo-dor-Wolff-Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaftspublizistik. Bei Eichborn Berlin erschienen Wie die Welt im Kopf entsteht (2002) und Wie der Mensch sich orientiert (2004). Martin Urban lebt in Gauting bei München.
Martin Urban
Warum der Mensch glaubt
Von der Suche nach dem Sinn
256 Seiten
Mit zahlreichen Illustrationen
Gebunden mit Schutzumschlag
Eichborn Berlin
ISBN 3-8218-0761-X
€ 19,90 (D)/ sFr 34,90 / € 20,50 (A)
Herausgeber Eichborn-Verlag, Berlin
(c) Astrid Krüger
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